Zurück in die Vergangenheit
- Patricia Alge
- 12. Sept. 2024
- 6 Min. Lesezeit
Wie du Rückblenden und Flashbacks richtig meisterst
Rückblenden und Flashbacks sind die Zeitmaschinen der Literatur. Stell dir vor, du könntest in die Vergangenheit reisen und einen Moment noch einmal erleben – sei es ein peinliches Missgeschick, eine ergreifende Liebeserklärung oder ein entscheidender Wendepunkt in deinem Leben. Für uns Autoren alles kein Problem. Wir können in unseren Geschichten jederzeit mühelos in die Vergangenheit springen! Dank Rückblenden und Flashbacks. Aber wie funktionieren diese literarischen Zeitreisen und wie setzt du sie gekonnt ein, damit deine Leser nicht das Gefühl haben, in einer Endlosschleife gefangen zu sein?
Die verschiedenen Arten von Rückblenden:
Generell unterscheiden wir zwischen 4 Arten von Rückblenden
Die klassische Rückblende: Das ist der klassische „Opa erzählt vom Krieg“-Moment. Die Handlung pausiert, während deine Figur über die glorreichen oder eben nicht so glorreichen vergangenen Zeiten nachdenkt. Ideal, um tiefere Einblicke in die Vergangenheit deiner Charaktere zu geben. Aber Vorsicht, halte deine Rückblenden möglichst kurz, damit dein Leser nicht das Gefühl bekommt, dort festzustecken!
Beispiel: Ein alter Mann sitzt in seinem Lieblingssessel und blickt auf das vergilbte Foto seiner Jugendliebe. Während er das Bild betrachtet, driftet er in Gedanken ins Jahr 1940 zurück. Zu jenem Tag, als er ihr zum ersten Mal begegnet war. Die Erzählung wechselt in diese Zeit, um aufzuzeigen, wie sich ihre Beziehung entwickelte und warum er sie nie vergessen konnte.
Der abrupt einschlagende Flashback: Diese Rückblende schlägt wie ein Blitz aus heiterem Himmel ein. Gerade noch mitten in einer Szene, unterbricht er jede Handlung und verlangt nach ungeteilter Aufmerksamkeit. Diese Art der Erinnerung ist meist sehr emotional und intensiv – und zeigt auf, wie sich die Weichen neu stellen.
Beispiel: Dein Protagonist schlendert nichtsahnend durch den Park. Ein Junge schießt ihm einen roten Ball vor die Füße und BAM! Karl wird augenblicklich von einer Erinnerung überrollt: „Oh nein, mein Ball!“ Er sieht sich wieder, wie er als Kind am Flussufer steht und seinem roten Ball hinterherschaut. Wie sein Freund Bello freudig kläffend dem Ball hinterherspringt – und Karl realisiert, dass das exakt der Moment war, in dem er sich (von Trauer und Schuldgefühlen überwältigt) schwor, nie wieder die Verantwortung für ein anderes Lebewesen zu tragen.
Die verschachtelte Rückblende: Oder auch die Rückblende in der Rückblende. Hier wird es tricky, denn bei dieser Technik kehrt eine Figur nicht nur in eine frühere Zeit zurück, sondern erlebt innerhalb dieser Rückblende eine weitere Erinnerung oder einen noch früheren Moment. Es ist, als würde man in einer Geschichte in die Vergangenheit reisen, nur um dort angekommen noch weiter in der Vergangenheit zu graben.
Zur Erklärung: Stell dir vor, deine Figur erinnert sich an einen Moment aus der Schulzeit, und in dieser Erinnerung taucht eine noch ältere Erinnerung auf. Wenn du das gut hinbekommst, bist du der Zeit-Meister der Literatur. Aber Vorsicht: Zu viele Schichten, und deine Leser brauchen selbst eine Rückblende, um sich daran zu erinnern, wo die eigentliche Geschichte weitergeht.
Beispiel: Dein Protagonist, Max, sitzt in einem Café und sieht einen ehemaligen Schulkollegen vorbeigehen.
Erste Rückblende: Sogleich erinnert er sich daran, wie eben dieser Kerl ihn damals auf der Schultoilette verprügeln wollte.
Zweite Rückblende: (innerhalb der ersten Rückblende) Während dieser Erinnerung fällt ihm ein, wie er wenige Tage zuvor vom älteren Nachbarjungen auf die Nase gekriegt hatte und sein Vater ihm deshalb einige Tipps zur Selbstverteidigung gab.
Zurück zur ersten Rückblende:
Max erinnert sich, wie er das Gelernte angewendet, den Angriff des Schulschlägers abgeblockt und ihn seinerseits mit nur einem Schlag zu Boden geschickt hatte.
Rückkehr in die Gegenwart: Max erkennt, dass exakt diese Begegnung seine Leidenschaft für den Boxsport erweckt hatte. Und heute wurde er von der Presse als der „Champion mit den goldenen Fäusten“ gefeiert.
Die traumähnliche Rückblende: Jene Vergangenheit, die sich in der Nacht in Form eines Traums meldet. Diese Art von Rückblende darf ruhig etwas surreal und poetisch geschildert werden – und ist perfekt, um tiefe Ängste oder verborgene Wünsche deiner Figuren zu offenbaren. Aber auch hier der dringende Hinweis: übertreib es nicht! Sonst verwirrst du deine Leser.
Beispiel: Lena schläft und träumt von einer Reise, die sie als Kind mit ihren Eltern unternommen hat. Im Traum verschwimmen die Bilder: Die Erinnerungen an den Strand, das Lachen der Eltern... plötzlich tauchen düstere Wolken am Horizont auf. Die Farben verblassen und Lena sieht ihre Eltern in weite Ferne rücken. Sie versucht zu ihnen zu gelangen. Sie kämpft und gibt alles - doch sie kann sie nicht erreichen. Lena erwacht mit klopfendem Herzen und ihr wird bewusst, dass dieser Traum ihre tiefen Ängste vor Verlust und Einsamkeit widerspiegelt.
In Ordnung, jetzt wissen wir, mit welchen Methoden wir arbeiten können, aber...
Welchem Zweck dienen Rückblenden und wann setzen wir sie ein?
Zur Charakterentwicklung: Rückblenden sind großartig, um aufzuzeigen, warum deine Figur so geworden ist, wie sie heute ist. Vielleicht ist der griesgrämige Detektiv nur deshalb so zynisch, weil er in seiner Jugend eine bittere Enttäuschung verkraften musste? Rückblenden helfen dir, diese tiefen Schichten aufzudecken.
Beispiel: Jack, dein hartgesottener Detektiv, ist bekannt für seinen Zynismus und seine Unfähigkeit, anderen zu vertrauen. Du könntest eine Rückblende einfügen, die ihn als jungen Polizisten zeigt, der seinem Mentor bedingungslos vertraut, nur um festzustellen, dass dieser bis auf die Knochen korrupt war und ihm ein Verbrechen unterschieben wollte, um ihn aus dem Weg zu schaffen. Ein Verrat, der Jacks Weltsicht für immer veränderte und gleichzeitig erklärt, warum er heute so misstrauisch ist.
Zum Spannungsaufbau: Rückblenden können auch wunderbar eingesetzt werden, um Spannung aufzubauen. Willst du deine Leser auf den Kanten ihrer Stühle sitzen lassen? Dann streu kleine Flashbacks ein, die andeuten, dass deine Hauptfigur ein dunkles Geheimnis verbirgt. Aber verrate nicht zu viel auf einmal. Ein gutes Rätsel muss Stück für Stück enthüllt werden – wie beim Schälen einer Zwiebel, nur hoffentlich ohne die Tränen.
Beispiel: Anna hat Angst vor engen Räumen oder immer wieder Albträume von einem Autounfall. Du kannst kleine Rückblenden einbauen, die dem Leser nach und nach enthüllen, dass Anna in ihrer Jugend in einen schweren Unfall verwickelt war, bei dem sie am Steuer saß. Die vollen Umstände werden erst später in der Geschichte enthüllt, was die Spannung und das Geheimnis um Annas Schuldgefühle und ihre Angst vor dem Autofahren aufrecht erhält.
Die narrative Struktur: Manchmal passt eine lineare Erzählweise einfach nicht zur Geschichte, die du erzählen möchtest. Rückblenden können dir helfen, die Handlung auf spannende Weise zu entwirren und verschiedene Zeitlinien miteinander zu verweben. Das sorgt für Abwechslung und hält deine Leser auf Trab.
Beispiel: Du schreibst ein Familienepos, das über drei Generationen hinweggeht. Anstatt brav von Oma zu Mama zu Tochter zu erzählen, springst du gezielt durch die Zeiten. Gegenwart
Sarah, eine junge Frau, findet in einem alten Schrank einen vergilbten Liebesbrief.
Rückblende
Die Geschichte springt zurück ins Jahr 1950, in dem ihre Großmutter Emma, den Brief schrieb, aber nie abschickte, aus Angst vor den Konsequenzen ihrer verbotenen Liebe.
Wechsel zur nächsten Generation
Im nächsten Kapitel erfährt der Leser, wie Emmas Tochter, also Sarahs Mutter, den Brief Jahre später fand, ihn aber aus Respekt vor ihrer Mutter wieder versteckte, ohne ihn zu lesen.
Zurück in die Gegenwart
Sarah beginnt, die Geheimnisse ihrer Familie zu entschlüsseln, als sie den Brief liest und realisiert, wie sehr diese ungestandene Liebe das Leben ihrer Großmutter und Mutter geprägt hat.
Durch das Springen zwischen den Generationen wird deutlich, wie tiefgreifend die Entscheidungen der Vergangenheit die Gegenwart beeinflussen. Inspiriert von den Frauen in ihrer Familie, wird Sarah nicht den selben Fehler machen und den Mut finden, ihre eigene Liebe offen zu leben.
Wichtige Tipps für den effektiven Einsatz von Rückblenden
Timing ist alles: Überlege dir gut, wann du eine Rückblende einbaust. Hat die Handlung richtig Fahrt aufgenommen, könnte eine plötzliche Rückblende das Tempo ruinieren. Platziere sie dort, wo sie am meisten Wirkung zeigt und achte darauf, dass die Hauptgeschichte danach nahtlos weitergeht.
Sei sparsam: Rückblenden sind wie Schokolade – zu viel davon und dir wird schlecht. Verwende sie gezielt und nur dann, wenn sie wirklich notwendig sind. Jede Rückblende sollte einen klaren Zweck erfüllen und nicht nur als Füllmaterial dienen.
Halt es klar und verständlich: Stell sicher, dass der Leser immer weiß, wann und wo er sich in der Geschichte befindet. Klare Übergänge und visuelle Hinweise (wie Szenenwechsel oder spezielle Markierungen) sind wichtig, damit der Leser nicht den Faden verliert und deine Geschichte genervt beiseitelegt.
Emotionaler Anker: Eine gute Rückblende sollte nicht nur Informationen liefern, sondern auch eine emotionale Verbindung schaffen. Zeige auf, wie die Vergangenheit die Gegenwart beeinflusst, und lass den Leser fühlen, was die Figur damals empfunden hat. So wird die Rückblende zu einer emotionalen Verbindung und damit zu einem wertvollen Bestandteil deiner Geschichte.
Fazit:
Rückblenden bieten dir als Autor eine Vielfalt an Möglichkeiten, tief in die Vergangenheit deiner Charaktere einzutauchen, Spannung aufzubauen und deine Geschichte auf faszinierende Weise zu strukturieren. Es ist jedoch entscheidend, diese Technik überlegt und sparsam einzusetzen, denn gerade bei Rückblenden gilt: Weniger ist mehr.
Frage an dich: Hast du bereits Erfahrung mit Rückblenden in deinen Geschichten? Wenn ja, welche Art von Rückblende nutzt du am liebsten und warum? Vielleicht kennst du auch ein besonders gutes Buch das dich mit seinen Flashbacks besonders beeindruckt hat? Erzähl es mir gerne in den Kommentaren (ganz unten auf der Seite). Ich würde mich freuen, von dir zu hören.
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